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6.9.2010 : 7:48 : +0200

"Dr. Jekyll hat das Grundproblem nie erkannt."

Einer, der es wissen muss. Matthias Pagani spielt John Utterson, den besten Freund von Dr. Henry Jekyll, in der Bad Vilbeler Inszenierung von 'Jekyll & Hyde'. Wir haben ihn zu seiner Rolle und der Arbeit in Bad Vilbel befragt.

Matthias Pagani (© MusicalClub24)

MC24: Wer ist für Sie dieser 'John Utterson'?

MP: Nach dem, was ich für mich aus dem Stück herausgelesen habe, ist John Utterson der Einzige, der seinem Freund sagt, was er denkt. Er ist der Einzige, der Henry Jekyll spiegelt — der Einzige im ganzen Stück, der ihm sagt: 'Pass auf, wo Du hingehst. Schau Dich an. Ist Dir klar, was Du tust?'  Wenn wir die Hochzeit außer Acht lassen, ist John Utterson der Einzige, der bewusst beide Seiten sieht, der Jekyll UND Hyde kennenlernt. Als er Zeuge der Verwandlung wird, enttäuscht ihn das zutiefst, weil er in diesem Augenblick denkt: 'Ich bin doch sein bester Freund, warum hat er mir das nicht gesagt? Nicht einmal mir hat er es gesagt!' So tief ist diese Spaltung Jekylls, dass er auch den Freund im Dunkeln gelassen hat. Deshalb ist für mich der wichtigste Aspekt für die Figur des Utterson, dass er Jekyll als Einziger sagt: 'Du hattest einmal alles, was man sich wünschen kann, eine anerkannte Arbeit und eine Verlobte, die Dich liebt. Und Du hattest einmal ein Ziel, Du strebtest nach dem Licht der Wahrheit. Wo ist Dein Ziel? Du hast immer davon gesprochen, alles herauszufinden zu wollen — und jetzt negierst Du Dich selbst, indem Du Deine Identität verleugnest. Irgendwas ist mit Dir passiert. Ich kann nicht sagen, was und wie. Ich spüre nur, dass Du Dich damit zugrunde richtest.'

Natürlich ist Utterson dem Ganzen wie alle anderen ausgeliefert, aber er hat einen entscheidenden Vorteil: Als Betrachter steht er außerhalb von allem und kann so einfach die Veränderungen wiedergeben, die er an seinem Freund beobachtet: 'Heute sehe ich Dich so. Drei Tage später sehe ich Dich wieder... Was ist mit Dir geschehen?'

MC24: Nachvollziehen kann aber auch er Jekylls Tun nicht.

MP: Nein, wie sollte er auch. Heute noch müsste er dafür ein besonders spiritueller Mensch sein. Damals gab es ja noch nicht einmal die Diagnose für Schizophrenie. Diese gibt es erst seit Sigmund Freud. In der Zeit, in der das Stück spielt, wusste noch niemand, dass jeder Mensch gespalten ist. Hinzu kommt: Utterson wirkt in sich sehr gefestigt; offenbar spürt er keine solche tiefe Spaltung in sich wie Jekyll.

MC24: Ist John Utterson deshalb dem Freund gegenüber so loyal?

MP: Einerseits ist er das sicher. Andererseits ordnet Utterson sich Jekyll deshalb vielleicht auch besonders gut unter. Diesen Aspekt zu beleuchten, wäre interessant. Inwieweit ordnet Utterson sich ihm unter und spielt damit Jekylls Spiel eigentlich mit? Als Utterson die Chemikalien besorgen soll — warum sagt er da nicht einfach: 'Nein!' Wenn Utterson wirklich stark wäre, würde er an dieser Stelle zu Jekyll sagen: 'Du kannst Dir das selbst besorgen. Ich unterstütze Dich bei Deiner Selbstzerstörung nicht.'

MC24: Das ist ja fast so, als würde man einen Drogenabhängigen in seiner Sucht unterstützen, oder?

MP: Ja und Nein. Utterson ist auch Dr. Jekylls bester Freund. Er würde antworten: 'Henry kenne ich jetzt schon seit 30 Jahren. Wir sind zusammen aufgewachsen — er muss wissen, was er tut. Wenn er also meint, dass er die Medikamente braucht, dann wird das richtig und wichtig sein.' Wir dürfen nicht in ein Schwarz-Weiß-Denken verfallen, auch wenn die meisten von uns konditioniert sind, alles einseitig zu sehen. Was uns wieder auf den Punkt zurückführt, dass die Wissenschaft damals noch nicht soweit war. Es wurde noch viel ausprobiert bei der Wirkung von Medikamenten. Der beste Freund Jekylls hegt ja auch selbst die Hoffnung, dass Jekyll sich mit den Medikamenten heilen kann.

Fest steht, dass Dr. Jekyll das Grundproblem nie erkannt hat: nämlich dass es einer Polarität bedarf, um das Gute sehen zu können. Deshalb unterliegt er von Anfang an einem Denkfehler, was man ihm aber nicht vorwerfen kann, weil die Menschheit einfach noch nicht soweit war. Irgendwie ist sie das zum Teil heute immer noch nicht (schaut nachdenklich).

Komischerweise kommen nach dem Stück viele Leute und sagen: 'Ja, das habe ich gewusst, das habe ich gewusst', aber in ihren Augen ist zu sehen, dass sie es vielleicht wissen, aber nicht danach leben. Ich sage: 'Wenn Du es weißt, dann ist es doch nicht schlimm, wenn Du das Dunkle kennenlernst. Du brauchst es doch, um das Licht wieder zu erkennen.' Insofern betrachte ich 'Jekyll & Hyde' immer noch als ein sehr wichtiges "psychologisches Lehrstück" — ohne erhobenen Zeigefinger. Vielleicht schaffen wir es ja im Ansatz, wir da oben auf der Bühne, die Menschen unten denken zu lassen: 'Vielleicht sollte ich mal ein bisschen mehr in mich hineinhören. Wer kämpft da in mir um was?' 

Im Gespräch (© MusicalClub24)

ZUR RECHTEN ZEIT

MC24: Denken Sie immer so intensiv über eine Figur nach, wenn Sie sich eine Rolle erarbeiten?

MP: Das habe ich eigentlich im Vorfeld gar nicht. Die Gedanken kamen einfach während der Proben und beim Nachbearbeiten entwickelte sich der Gedanke dann weiter. Ich habe das Gedachte umgesetzt und kam nach der nächsten Probe drauf: 'Wenn das so geht, dann könnte er das auch so machen.' So enstand das Meiste und ich musste aktiv im Grunde nichts tun. Für mich ist das keine hochintellektuelle Leistung, sondern eher eine intuitive Arbeit, die ich leiste. Dass ich das Buch gelesen habe, ist auch schon länger her und Historienbände über das viktorianische Zeitalter habe ich auch nicht gewälzt. Ich weiß allerdings nicht, was ich gemacht hätte, wenn ich 'Jekyll' selbst gespielt hätte. Vielleicht hätte ich mich da anders vorbereitet, vielleicht auch nicht. Zwar habe ich, als ich letztes Jahr 'Jesus' gespielt habe (Anmerkung der Redaktion: Matthias Pagani spielte 2007 bei den Bad Vilbeler Burgfestspielen den 'Jesus' in 'Jesus Christ Superstar'), nochmals das Johannes-Evangelium gelesen, aber nur weil der zeitliche Ablauf des Stückes auf dem Johannes-Evangelium beruht. Ansonsten sehe ich den Jesus ganz anders als das Neue Testament.

MC24: Schauen Sie sich zur Vorbereitung auf die Rolle andere Inszenierungen oder Filme an?

MP: Nein. Und den Jekyll schon gar nicht. Das Stück hat mich, ehrlich gesagt, zuerst so gar nicht interessiert. Ich habe es 1999 in Bremen gesehen, weil ich im Finale war für den 'Jekyll'. Damals haben sie einen neuen Alternierenden gesucht, weil Steve Barton wegen Krankheit absagen musste. Ich habe das Thema danach nicht weiter verfolgt, auch weil das Stück auf mich zu düster und zu dunkel wirkte.

MC24: Und wie kam es nun doch zu einem Engagement für 'Jekyll & Hyde'?

MP: Claus-Günther Kunzmann (Intendant der Bad Hersfelder Festspiele) hat mich gefragt und ich habe instinktiv gespürt, dass es da etwas zu lernen gibt. 

MC24: Die Anfrage kam dann sozusagen zur rechten Zeit?

MP: Das ist immer so, alles kommt zur rechten Zeit. Jedes Stück, das Dir entgegenkommt ist wichtig. Es käme dir sonst nicht entgegen. Du ziehst es an und dann solltest Du Dich der Aufgabe auch stellen. In jedem Stück gibt es etwas zu lernen. Und wenn es nur die Herausforderung ist, 'Nein' zu sagen. Ein Stück hat immer etwas mit einem selbst zu tun. Und hier ist es vielleicht eine Erinnerung... es gibt zwei Seiten. Das reicht vollkommen aus. Wenn ich morgens in den Spiegel blicke, schauen mich zwei an — mindestens (alle lachen).

MC24: Haben Sie dann Angst vor der anderen Seite in Ihnen?

MP: Na klar, wir sind darauf konditioniert, Angst zu haben. Von Kind auf wird uns gesagt, dass es eine gute Seite und eine böse Seite gibt. Dabei ist letztere eine Seite, die genauso ist wie die andere; es ist eben nur die Unterseite. Es ist eine Medaille - wenn man sie dreht, hat sie zwei Seiten.

MC24: Brauchen wir die beiden Seiten?

MP: Ja, wir brauchen sie leider noch, weil wir sonst das Gute nicht als 'gut' definieren würden. Wir würden es ohne Schablone nicht unterscheiden als 'gut'. So sehe ich persönlich das und ich finde es sehr, sehr wichtig, sich das klar zu machen.

Backstage auf der Burg (© MusicalClub24)

ZUSAMMENARBEIT

MC24: Sie arbeiteten ja bereits in der Vergangenheit mit Regisseur Egon Baumgarten. Was kennzeichnet seine Arbeit mit den Darstellern?

MP: Bei Egon Baumgarten habe ich immer das Gefühl, dass Zusammenarbeit wirklich stattfindet. Weder bin ich dem hörig, was der Regisseur sagt, noch bin ich der Darsteller XY, der irgendwas meint und dann herumzickt. Stattdessen gilt es, einander zuzuhören und abzuwägen, was der andere meint: 'Erklär mir noch einmal, was Du meinst. Was schlägst Du vor?' Und dann gibt es nur zwei ehrliche Antworten: 'Ja' oder 'Ich finde es komisch, was Du da gerade machst.' Und wir beide wissen meistens ganz schnell voneinander, was der andere will. Egon Baumgarten braucht manchmal nur zu sagen: 'Wenn Du sie anguckst, ist es ein bisschen...'.  Er braucht gar nicht weiterzusprechen, schon weiß ich, was er meint. Eine solche Ebene des Verstehens hatte ich im Leben bisher vielleicht mit drei Regisseuren. Sicher lernt man sich im Laufe der Zeit auch besser kennen, aber mit Egon Baumgarten hat das Gespräch eigentlich von Anfang an — bereits 2005 bei 'Evita' — gut geklappt. Und auch jetzt bei 'Utterson' haben wir uns verstanden, obgleich ich zuerst dachte: 'Puh, wie mach' ich das?' Na ja, ich bin ja auch nicht Ego-frei... (grinst). Soweit bin ich noch nicht, sonst hätte ich 'Jesus' letztes Jahr nicht spielen müssen, sondern wäre er selbst gewesen (alle lachen).

MP: Immer wieder höre ich, dass es so schwer sei, einen Judas zu besetzen. Ich muss dann immer lachen, denn das ist überhaupt nicht schwer. Schwer ist es, einen 'Jesus' zu besetzen. Wenn ich das aber sage, wird mir entgegengehalten: 'Wieso, das ist doch leicht. Du findest doch immer einen, der das singen kann.'

MC24: Es geht sicher nicht nur ums Singen, richtig?

MP:  Um das Spielen geht es, einzig um die Dimension. Das wäre geradezu würde jemand zu mir nach Hause kommen und sagen: 'Wir drehen jetzt einen Film. Wir hätten gerne, dass Du Buddha spielst.' ... 'Vergiss es!' Wie sollte ich das denn machen (sichtlich entsetzt)? Ich kann doch keinen Buddha spielen oder einen Mohammed. Das geht gar nicht!
Ich ziehe vor jedem den Hut, der sich vor eine Kamera stellt und verkündet: 'Ich spiele jetzt Jesus.'

Was ich jetzt sage, klingt seltsam, aber ich erkläre gleich, was ich meine: Der Jekyll ist im Grunde leicht zu spielen. Das ist so, weil jeder die beiden Seiten in sich hat. Keiner von uns ist dagegen ein Jesus oder ein Buddha. Die Schwierigkeit bei der Darstellung des Jekyll besteht darin, die beiden Seiten raus und gegeneinander spielen zu lassen. Man muss den Mut haben, beide Seiten zu zeigen. Jekyll & Hyde ist jeder von uns. Nur geht Jekyll im Stück weiter — er ermordet alle Leute, die in seinen Augen Böses tun. Das müssen wir ja nicht...dann müssten wir, wie das in Amerika bei Amokläufern Usus ist, mit der Pumpgun in den Fastfood-Laden stürmen, alle abknallen und wieder hinausrennen. Das muss ja nicht sein...Amokläufer lassen ihre andere Seite auf diese Weise raus.

Doch im Stück sind 'Jekyll' und 'Hyde' nicht koexistent, wenn ich das so sagen darf. Koexistente Schizophrenie würde bedeuten, dass A dem B zuschauen kann. Doch das ist hier nicht so, sondern das Experiment des Dr. Jekyll gerät einfach außer Kontrolle, so dass er nicht mehr steuern kann, was geschieht. Im Grunde ist sein Experiment jedoch geradezu 'pervers', denn Jekyll führt künstlich eine Schizophrenie herbei. Wenn ich das noch einmal sagen darf: Er begeht von Anfang an den grundlegenden Denkfehler, das Gute vom Bösen scheiden zu wollen — zwei Seiten, die man nicht trennen kann.

Da meine zweite Seite heute Abend der 'Utterson' ist, muss ich mich nun leider umziehen und in die Maske. Ist das okay?

MC24: Aber klar, ist das okay. Ohne 'Utterson' kann das Stück doch nicht laufen.

MP: (schmunzelt) Stimmt, es muss ja jemand da sein, der ihn abknallt und dem Ganzen ein Ende bereitet.

Herzlichen Dank für das interessante Interview. Wir wünschen 'Utterson' und seinen Kollegen allzeit ein aufmerksames Publikum.

Das Interview führten Barbara Kern und Sylke Wohlschiess.