Kopfkino beim Publikum
Die Fantasie des Publikums anregen, Bilder im Kopf entstehen lassen - das ist die Intention von Regisseur Egon Baumgarten. Wir sprachen mit dem Regisseur von 'Jekyll & Hyde' in Bad Vilbel über seine Inszenierung auf der Freilichtbühne.
MC24: Herr Baumgarten, Sie inszenieren regelmäßig hier in Bad Vilbel. Haben Sie einen besonderen Bezug zum Freilichttheater?
EB: Auf einer Freilichtbühne zu spielen, ist immer etwas anderes als im geschlossenen Haus mit all der Bühnenmaschinerie. Bei 'Jekyll & Hyde', aber auch schon bei 'Evita' und den anderen Musicals, die wir hier inszeniert haben, gab es immer erstmal die Vorüberlegung; 'Wie setzen wir es um?'
In 'Jekyll & Hyde' spielen viele Szenerien eine Rolle. Da wir wenig Technik besitzen, müssen wir dramaturgische Ideen entwickeln, um die verschiedenen Räume zu schaffen. Ich versuche immer mit möglichst wenig auszukommen, auch im Bühnenbild. Sie sehen sechs Türen, mal weiß, mal rot und mal silbern, sowie eine kleine Drehbühne, die mal silbern, mal rosa und mal weiß ist. Damit deuten wir alle Orte an, manchmal spärlich ergänzt durch ein paar Möbel. Alles andere findet im Kopf des Zuschauers statt. Man muss ihn gewissermaßen nur antippen und sagen: 'Schau mal her, hier sind wir! Und hier ist eine rote Tür, dort geht es vielleicht ins Bordell, wer weiß.' Und schon spielt sich im Kopf des Publikums etwas ab. Es weiß, ahnt oder stellt sich vor, wie es hinter der Tür aussieht. Wir geben Zeichen und Signale, manchmal größerer, manchmal kleinerer Art, aber das Publikum ist klüger, als man denkt. Und die Fantasie des Publikums ist noch viel ausgeprägter, als wir uns das denken können. Nach meiner zehnjährigen Erfahrung funktioniert Musical gerade hier bei unseren "Kammerspielen" auf diese Weise sehr gut. Wir haben ja keine große Bühne, auch wenn sie mit ihren 20 Metern Breite groß wirkt. Dafür ist sie nur 10 Meter und nicht etwa 30 Meter tief. Es gibt keine Nebenbühnen, aus denen vorbereitete Kulissenwagen geschoben werden könnten — wie etwa am Staatstheater. Es kann auch niemand aus der Versenkung auftauchen. Eben diese Dinge, die in Großproduktionen gang und gäbe sind, sind hier einfach nicht möglich.
MC24: Sehen Sie darin einen Nachteil für Ihre Inszenierung?
EB: Nein, ich sage das ganz ehrlich. Ich bin froh, dass die Musicals mittlerweile auch in die kleineren und mittleren Stadtheater eingezogen sind und auch auf den kleineren Freilichtbühnen gezeigt werden. Dort spielt die Fantasie noch eine große Rolle und diese Bühnen trauen sich immer, Musical etwas anders zu inszenieren als die Großproduktionen. Bei den Großproduktionen läuft alles ab wie am Schnürchen. Ich habe sie alle gesehen und auch hinter die Kulissen geschaut. Das ist perfekt gemacht, vor allem technisch perfekt, aber die Charaktere sind meistens auswechselbar. Man findet nur noch ganz selten richtige, wirklich gute Schauspieler. Jünger und älter auf der Bühne — bei diesen Produktionen spielt Alter keine Rolle. Es wird ja auch ohne Ende gecovert und das junge Mädchen spielt dann eben die alte Frau. Es wird auf alt geschminkt und das Gesicht des Künstlers sieht dann vielleicht sogar alt aus. Dass dabei die Lebenserfahrung der älteren Frau fehlt, die man als Regisseur nutzen kann, wird bedeutungslos. Die ältere Frau hat etwas erlebt, sie hat Narben in der Seele, im Gesicht vielleicht oder am Körper, und das gehört doch alles zu einem Menschen. Den 'Professor Ambronsius' im 'Tanz der Vampire' spielt auch ein ganz junger Mann; eigentlich müsste er ein 50jähriger gestandener Professor sein, mit der entsprechenden Lebenserfahrung und und und. Bei den Großproduktionen geht alles glatt — und auf Kosten der Fantasie. Es gibt etliche ältere Rollen in 'Jekyll & Hyde', Figuren, die zwischen 50 und 60 Jahre alt sind. Ich habe Wert drauf gelegt, dass die Darsteller auch etwa so alt sind, damit die Rollen altersgemäß besetzt sind. Der Vater von Lisa musste bei uns nicht auf Vater von Lisa hingeschminkt werden.
Natürlich machen auch wir technisch, was möglich ist. Wir haben schon ein bisschen mehr als fünf Scheinwerfer und stellen jedes Jahr aufs Neue fest, dass immer noch etwas mehr geht. Die Festspiele von Bad Vilbel wachsen ja auch. Das Wichtigste bei meiner Arbeit ist und bleibt jedoch die Geschichte. Sie müssen wir stringent erzählen, dann erreichen wir auch das Publikum.
DIE BESETZUNG
MC24: Welche Bedeutung hat die Besetzung für Ihre Inszenierung?
EB: Wir haben viel Wert auf erstklassige Stimmen gelegt. Insbesondere die Partie des 'Jekyll & Hyde' ist eine der schwierigsten und vor allem anstrengendsten im Bereich Musical, weil der Darsteller ständig zwischen dem Tenor und dem hohen Bariton wechseln muss. Das kann nicht jeder. Alexander di Capri, der ursprünglich Tenor ist, hat sich im Laufe von vielen Jahren, auch durch besondere Stimmbildung in Amerika, die tieferen Teile sehr gut erarbeitet und meistert die Wechsel mühelos.
'Lisa' haben wir mit der glänzenden Sängerin Eva Aasgaard besetzt, die diese Rolle für meine Begriffe auch wunderbar spielt. Dazu gibt es eine witzige Anekdote: Komponist Frank Wildhorn selbst sah Eva Aasgaard zufällig in Sankt Gallen (Anm. der Red.: Eva Aasgaard spielte dort 2007/08 die 'Cosette' in 'Les Misérables') und verkündete, dass er sich gesanglich keine bessere 'Lisa' vorstellen könne. Und jetzt ist sie dieses Jahr hier, was ich sehr schön finde.
Eine 'Lucy' gibt es immer zu entdecken. Je nachdem, wie man besetzen möchte, kann sie jünger oder älter sein. Ich wollte eine junge 'Lucy' — und mit Anne Hoth haben wir, wie sich herausgestellt hat, einen Glücksgriff getan. Sie scheint die Entdeckung des Abends zu sein. Im Gegensatz zu manchem sehe ich in 'Lucy' nicht die Frau, die viel Leid in ihrem Beruf erfahren hat, sondern einen gefallenen Engel. Sie ist der Gegenpol zu 'Lisa'. Außerdem ging es mir darum, ganz stark die Erotik zu betonen. Es gibt zwei Formen der Liebe im Stück. Da gibt es 'Lisa': Sie und 'Jekyll' lieben sich auf eine gesellschaftlich anerkannte Art und Weise. Bei 'Lucy' und 'Hyde' herrscht dagegen Sexualität pur und auch Erotik. Und das bringt dieses Mädchen, das bringt Anne alles mit — mit ihren 25 Jahren. Die 'Lucy' ist erst die zweite große Rolle in ihrem Leben. Sie wurde direkt von der Universität der Künste in Berlin als 'Sarah' für den 'Tanz der Vampire' engagiert. So begann ihre Karriere; damit sie aber weitergeht, muss sie jetzt anfangen, die verschiedensten Rollen zu spielen. Ich habe ihr auch empfohlen, an Stadttheater zu gehen, um zu lernen. Anne Hoth hat unzählige Anfragen von Großproduktionen, die gerne weiterhin mit ihr arbeiten möchten, aber glücklicherweise sucht sie aus und macht nicht alles, was man ihr anbietet. Ich denke, Anne Hoth kann mit Sicherheit eine ganz Große werden, wenn sie weiterhin so an sich arbeitet. Schauspielerisch ist sie schon top. Da gibt es im Stück eine Szene, an deren Ende sie umgebracht wird (Gefährliches Spiel). Und da zeigt sie, was sie kann.
Matthias Pagani bin ich sehr dankbar, dass er den 'John Utterson' spielt. Ich finde, dass 'Utterson', so wie ihn Matthias Pagani spielt, maßgeblich am Erfolg des Stückes beteiligt ist. Wir arbeiten seit fünf Jahren zusammen. Matthias Pagani hat eigentlich in allen großen Musicals, die ich inszeniert habe, die Hauptrollen gespielt. Genau wie ich kommt auch er vom Schauspiel und hat das Singen erst etwas später entdeckt. Mich faszinieren die Darsteller beim Musical immer dann, wenn sie auch gute Schauspieler sind. Und das ist bei ihm in ganz besonderer Weise der Fall.
Eine weitere Rolle, deren Besetzung uns gelang, ist 'Nellie'. Ich habe Sissi Staudinger in einer unmöglichen Revue gesehen und trotzdem ist sie mir aufgefallen. Dann hat sie uns vorgesungen und mich restlos überzeugt. Sissi Staudinger ist eine Darstellerin, die alles nur aus dem Bauch macht. Erstaunlicherweise spielt sie genau so, wie man es von ihr erwartet. Wie sie das macht, weiß ich nicht, aber ich finde es großartig. Sissy Staudinger lässt sich auf ihre beiden Rollen in 'Jekyll & Hyde' ganz ein. Sie verkörpert die 'Lady Beaconsfield' als überdrehte blöde Zicke der Oberschicht genauso bedingungslos wie die Puffmutter als leidende warmherzige Frau. In unserer Inszenierung ist 'Lucy' gewissermaßen Nellies Tochter. Als 'Nellie' sie zusammen mit den "Mädchen der Nacht" findet, nachdem 'Hyde' 'Lucy' umgebracht hat, reagiert sie mit einer besonderen Form der Totenklage...

- Burggeflüster (© MusicalClub24)
ADAPTION BRINGT STRINGENZ
MC24: Wie haben Sie die Vorlage von 'Jekyll & Hyde' für Ihre Inszenierung angepasst?
EB: Ich habe das Stück ein bisschen anders zusammengestellt, auch weil es nötig war, alles etwas zu kürzen. So haben wir manche Songs an andere Stellen gesetzt, einige auch gestrichen. Wir würden sonst 3 1/2 Stunden spielen und das Publikum käme erst nach Mitternacht aus der Burg; das darf nicht sein. Nun sind wir um 22:45 Uhr fertig, aber es fehlt nichts. Die gesamte Geschichte wird erzählt. Neben einzelnen Songs haben wir die Figur des Butlers und einen der Toten gestrichen. Wichtig ist: Ich streiche immer nur das, was nicht unmittelbar die Geschichte weitererzählt. Wenn es Nebengleise gibt, die nicht unbedingt die Geschichte weiterbringen, dann muss man diese nicht zeigen. Es bringt dem Zuschauer nichts, wenn es mit der Geschichte nicht voran geht. Wir erzählen stringent und das macht es spannend für das Publikum. Wenn ich das so sage, kommt bei mir möglicherweise der Schauspielregisseur durch. Aber das ist meine Philosophie, meine Art, Musical zu inszenieren, eben als Schauspiel und Geschichten erzählend. Die Musik ist mir dabei ein Hilfsmittel, die Handlung eingängiger zu machen. Und ich würde mir wünschen, dass alle Theater, klein oder groß, sich ans Musical wagen und sich die Stoffe einmal anschauen, ob man sie nicht auch anders erzählen kann als mit dem wahnsinnigen technischen Aufwand, der die Geschichte überbelastet und überlappt. Alles wird glatt geschliffen, wo doch eckig und kantig viel schöner und authentischer ist. Der Mensch bleibt da oftmals auf der Strecke. Hier in Bad Vilbel versuchen wir, näher am Menschen, am Publikum zu sein und zu bleiben.
MC24: Wir konnten uns bereits davon überzeguen, dass Ihnen und Ihrem Team dies gelingt. Herzlichen Dank für diesen Einblick in Ihre Arbeit. Wir wünschen Ihrer Inszenierung von 'Jekyll & Hyde' weiterhin viel Erfolg und freuen uns schon auf neue Projekte.
Das Interview führten Barbara Kern und Sylke Wohlschiess.



