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9.9.2010 : 20:54 : +0200

Ein gemeinsames Bauwerk

Die Monumente der Pharaonen entstanden nie durch einen allein, sondern waren stets das Ergebnis gemeinsamer effektiver Arbeit. Baumeister des Musicals 'Tutanchamun' ist Dean Welterlen. Wir sprachen mit dem Regisseur über seine Arbeit für und in Gutenstein.

Dean Welterlen (© Festspiele Gutenstein)

MC24: Für die Festspiele Gutenstein bedeutet 'Tutanchamun' gleich in zweierlei Hinsicht eine Musical-Premiere. Bisher wurde hier ausschließlich lyrisches Theater gespielt. Wie kam es zur Zusammenarbeit?

DW: Ich kenne den Komponisten Gerald Gratzer schon seit 20 Jahren. Wir waren beide — er als junger Schlagzeuger und ich als junger Musicaldarsteller — bei 'Cats' im Theater an der Wien engagiert. Damals begann nicht nur unser beider Karriere; vor allem entstand auch eine mittlerweile langjährige Freundschaft. Als das Projekt 'Tutanchamun' dann spruchreif wurde, ließ Gerald Gratzer mich wissen, ich wäre sein Wunschkandidat als Regisseur. Zum Glück hatte ich Zeit. Wir haben eingehend über das Buch und die Musik gesprochen und mich begeisterte die Idee immer mehr. Gerald Gratzer ist Schlagzeuger und seine Musik voller Rhythmen. Es mischen sich viele verschiedene Stilrichtungen, Instrumentierungen und Ethnosounds. In seinen Kompositionen hört man Ägypten. 

Dass sich die Festspiele Gutenstein unter ihrem neuen Intendanten Ernst Neuspiel vom Sprechtheater Ferdinand Raimunds verabschiedet haben, bedeutet sicher ein gewisses Wagnis. Nachdem aber jede weitere Aufführung Raimunds Wiederholung wäre, suchte man nach neuen Wegen. Ich glaube und hoffe, dass 'Tutanchamun' die richtige Entscheidung war. Musik und Thematik sind gleichermaßen anspruchsvoll, so dass ich denke, 'Tutanchamun' kann Gutenstein nur gut tun. 

SZENEN BAUEN

MC24: Können Sie uns einen Eindruck Ihres Vorgehens bei 'Tutanchamun' vermitteln?

DW: Das ist relativ einfach. Erst heißt es, das Buch hunderttausendmal lesen (lacht). Ich musste es einfach immer wieder lesen, um herauszufinden, was die Autoren gemeint haben könnten. Bei 'Tutanchamun' war es besonders einfach, weil die Autoren beim Lesen gewissermaßen neben mir saßen und auch direkt erzählen konnten, was sie meinen. Die Autoren haben sich sehr intensiv Gedanken gemacht, wie sie die Geschichte realisieren würden. Im Buch finden sich dazu schon von Beginn an sehr detaillierte szenische Angaben. Für meine Umsetzung und Arbeit mit den Darstellern haben sie mir dann nahezu freie Hand gelassen.

Fünf Wochen lang fanden die Proben im Funkhaus des ORF statt: In einem großen Probenraum haben wir die Bühne abgesteckt und zunächst nur für uns versucht, das Stück zu finden. Dann haben wir gemeinsam mit den Darstellern eine Erzählweise für das Stück erarbeitet, auch choreographisch. Wie ist die Art zu stehen, sich zu bewegen und vor allem zu sprechen?  In 'Tutanchamun' sprechen die Figuren kein Alltagsdeutsch, sondern eine gehobene, stellenweise poetische Sprache, zu der die Darsteller erst einen Zugang finden müssen. Es ist ganz wichtig, dass diese Sprache in den Körper gelangt.
Die szenische Erzählweise dagegen ist teilweise sehr modern. So finden sich beispielsweise sehr viele humorvolle Momente und sogar Slapstick. Ich weiß mittlerweile, dass die Ägypter großen Humor besessen haben. Wie wir waren auch sie verliebt in die Bürokratie. All diese Aspekte fließen in die Arbeit an den Szenen ein.

Seit zweieinhalb Wochen sind wir draußen in Gutenstein auf der Bühne. Glücklicherweise stand auch das ganze Technikteam von Anfang an zur Verfügung. Wir konnten gleich auf ein Ziel hinarbeiten, weil das Licht schon ging und alle Mikroports zur Verfügung standen. Es gab nicht den häufigen Überraschungseffekt: 'Ach, so klingt das mit Mikro' und auch nicht die Frage: 'Und wie wirkt das jetzt mit Licht?' All das konnten wir von Beginn an berücksichtigen und kontinuierlich auf das Ergebnis hinarbeiten.

Besetzung der Weltpremiere (© Festspiele Gutenstein)

REGIE UND DARSTELLER

MC24: Kann man dann sagen, dass Sie die Szenen gemeinsam mit den Darstellern gebaut haben?

DW: Oh ja, absolut. Für mich spielt die Besetzung eine ganz wichtige Rolle. Ich bin kein Mensch der sagt, es muss so sein, es kann nur so sein. Als Regisseur hat man eine Idee in seinem Kopf, wie es sein könnte, aber ein Schauspieler bringt sein eigenes Leben mit und hat auch Ideen. Dann geht es nicht nur um Kompromisse, sondern vor allem darum, dass man miteinander spricht und einen gemeinsamen Weg für die verschiedenen Rollen findet. Denn jeder bringt etwas anderes mit und jeder hat verschiedene Schwächen und Stärken. Und diese versuchen wir dann, ins beste Licht zu rücken. Bei 'Tutanchamun' war es eine besonders spannende Arbeit, weil ich ein sehr begabtes Ensemble und Solisten habe, die Crème de la Crème der deutschsprachigen Musicalszene. Alle bringen so viel Talent mit, dass die Arbeit mit ihnen relativ einfach war. Ich durfte aber auch sagen, wo es hingeht (lacht). Sie haben sich schon auch führen lassen, auch, weil sie wie ich vom Stück und seiner Musik überzeugt waren. Das Buch ist einfach gut. Manche meinen ja, dass Musical irgendwie eine minderwertige Theaterform wäre, nur Unterhaltung. Das denke ich persönlich nicht, ganz spezifisch nicht bei diesem Stück.

MC24: Glauben Sie, Ihr besonderer Umgang mit den Darstellern ist auch darin begründet, dass sie als Darsteller und Regisseur beide Seiten kennen und damit immer auch die andere Seite verstehen?

DW: Ja, das denke ich schon. Zehn Jahre mache ich jetzt Regie und stehe mehr als doppelt so lange auf der Bühne. Ich weiß, wie Schauspieler in bestimmten Situationen reagieren, was für eine Bühnensprache die meisten sprechen und ich kenne als Darsteller diese Sprache auch selbst. Mir ist bewusst, was sie verlangen und was sie brauchen — auch wann sie unbedingt eine Pause nötig haben. Manchmal brauchen sie einfach einen freien Tag, um da zu sein, wenn sie da sein müssen. Es ist sehr wichtig, dass Kräfte nicht vergeudet werden. Und ich kenne viele Regisseure, die nicht daran denken und sagen: 'Mach nur, mach nur!' Ich rede nicht so, weiß ich doch selbst ganz genau, wie viel ein Sänger am Tag singen soll, oder wie lange eine Probe sein soll, damit man gemeinsam etwas erreichen kann. Und wenn die Zeit gekommen ist, ist bei mir Schluss. Ich will keinen burnout bei einem Darsteller, sondern arbeite lieber effektiv und kurz, als dass es langwierig und Kraft raubend wird. 

Erziehung durch Haremhab (© Festspiele Gutenstein)

HISTORIE UND KÜNSTLERISCHE FREIHEIT

MC24: Tutanchamun ist eine historische Figur, um die sich zahlreiche Legenden ranken. Man weiß wenig über ihn außer, dass er jung regierte und einen rätselhaften Tod fand. Bedeutet der historische Hintergrund des Musicals eine besondere Herausforderung?

DW: Alle Charaktere und Schauplätze sind historisch belegt. Die Zustände sind mehr oder weniger historisch belegt — man kann nur vermuten, dass die Zeit, als Tutanchamun Pharao wurde, in Ägypten eine Zeit des Umbruchs war. Es muss große Veränderungen im religiösen und wirtschaftlichen Leben gegeben haben. Diese Umstände haben wir dann mit künstlerischer Freiheit ausgebaut und Beziehungen zwischen den Figuren geknüpft. Dennoch wird alles historisch belegt, was wir belegen konnten. Uns und den Autoren war wichtig. dass wir nichts erfinden. Es hat alles seine Richtigkeit. Der ägyptische Botschaftsrat in Wien, seines Zeichens Ägyptologe, hat das Buch und die Darstellung im Stück begutachtet. Seiner Ansicht nach stimmt unsere inhaltliche Darstellung mit dem momentanen Stand der Forschung überein. Natürlich gibt es viele verschiedene Quellen, die manchmal sehr widersprüchliche Aussagen enthalten, aber unsere historischen Inhalte sind immerhin auf dem letzten Wissensstand historisch belegt.

Über Tutanchamun ist bekannt, dass er als Kind bereits seine Halbschwester 'Anchesenamun' geheiratet hat. Das war üblich, weil die königliche Linie über die weibliche Seite vererbt wurde. Man weiß von seiner frühen Thronbesteigung und davon, dass 'Eje' und 'Haremhab' direkt nach ihm Pharao wurden — erst Eje, dann Haremhab. Beide müssen schon eine bedeutende Rolle zur Regierungszeit Tutanchamuns gespielt haben. Möglicherweise waren sie schon, als er noch Kind war, seine Erzieher und Berater. Man weiß auch, dass es immer wieder Streitigkeiten mit Nubien gegeben hat. Aus all dem ergeben sich zahlreiche Geschichten, die absolut möglich sind. Wir haben diese zu einem Stück zusammengesetzt und viele verschiedene Fäden geknüpft und Einzelgeschichten gebaut. Meines Erachtens ist etwas Schönes entstanden, eine sehr schöne und stimmige Geschichte. Die Frage nach dem genauen Wie von Tutanchamuns Tod versuchen wir, mangels historischer Belege, erst gar nicht zu beantworten. Wir wissen, dass er verletzt war und dass er nach neuestem Wissensstand möglicherweise im Zuge dieser Verletzung an einer Blutvergiftung gestorben ist. Die genauen Umstände lassen wir im Stück offen. Schafft er es zurück aus Nubien und sieht Anchesenamun wieder? Sein Tod bleibt ein Mysterium und wird deshalb von uns nur symbolisch in Szene gesetzt.

Ewigkeit (© Festspiele Gutenstein)

MC24: Was ist Ihnen bei der Inszenierung besonders wichtig?

DW: Das Wichtigste ist mir immer, dass wir die Geschichte gut erzählen und die Figuren als Charaktere greifbar werden. Bei Tutanchamun war es uns ein besonderes Anliegen, die historische Zeit ein wenig zum Leben zu erwecken. Es war uns sehr wichtig, dass der Zuschauer ein Gefühl für diese Mystik bekommt, für die verschiedenen religiösen Zusammenhänge, die für die Ägypter so bedeutend waren. Wir haben auf verschiedenen Wegen versucht, die damalige Zeit und ihre starke Prägung durch die Religion zu zeigen. Wir möchten mit unserer Erzählung das Publikum erreichen und ihm die Grundaussage des Stückes verständlich machen: 'Die Ewigkeit liegt in jedem Augenblick.' Das ist eine Botschaft, die sich durch die Zeit zieht: Jeder Moment zählt, das Hier und Jetzt allein sind wichtig, egal an was man glaubt. Diese große Aussage versuchen wir zu transportieren.

MC24: Wir sind sicher, dass Ihnen dies gelingt und danken herzlich für das Interview. Ihrer Inszenierung von 'Tutanchamun' wünschen wir eine erfolgreiche Spielzeit.

Das Interview führte Barbara Kern.